„Wir sind einfach nur dankbar, dass wir arbeiten dürfen.“

Bioland Demeter

Katrin Krause ist Inhaberin des bioMarkt BARMBEK in Hamburg. Als Einzelhändlerin gehört sie zur systemrelevanten Berufsgruppe – ihr Job ist wichtig für die Aufrechterhaltung des öffentlichen Lebens. In unserem Telefoninterview berichtet Katrin, dass dieser Begriff für sie jedoch keine allzu große Bedeutung hat und sie einfach nur dankbar ist, dass sie trotz der Einschränkungen arbeiten darf. Welche Wünsche Katrin für die Zukunft hat, warum die aktuellen Versorgungsengpässe überhaupt nicht dramatisch sind und weshalb noch viele Fragen in Bezug auf die anstehende Mundschutzpflicht offen sind, könnt ihr in unserem Interview nachlesen.

Lesedauer 10 Minuten, Stand 24.04.2020

Grell Naturkost:

Hallo Katrin, schön, dass du die Zeit gefunden hast, ein kurzes Interview mit uns zu führen. In Lebensmittelgeschäften treffen nach wie vor viele Menschen aufeinander. Die Sicherheits- und Hygienebestimmungen sind hier daher ganz besonders wichtig. Welche Veränderungen gibt es bei euch im Laden?

Katrin Krause:

Bei uns hat sich in letzter Zeit einiges verändert. Es ging vor fünf Wochen damit los, dass wir Maßnahmen ergriffen haben, um uns auf die Situation einzustellen. Wir haben bei uns umgebaut, um Platz zu schaffen. Anders konnten wir die Abstandsregelung bei uns im Laden nicht einhalten. Wir haben 135 m2 Verkaufsfläche und es ist dementsprechend eng. Daher musste unsere Sitzecke zum Kaffeetrinken weichen.

Wir haben außerdem einen Spuckschutz an der Kasse gebaut. Mein Mann hat Holzrahmen gebaut und die haben wir dann mit Käsefolie umwickelt (lacht). Und neben Informationstafeln im Geschäft haben wir auf dem Boden Klebestreifen installiert.

In den ersten Wochen nach Einführung der Restriktionen habe ich gemerkt, dass ich nicht mehr hinterherkomme und die Informationslage zu unübersichtlich war. Wir haben vor allem auf die Veränderungen reagiert ohne richtig vorbereitet zu sein. Auch die Nachfrage ist in kürzester Zeit stark in die Höhe geschossen und wir hatten Probleme, die Regale regelmäßig aufzufüllen. Ich habe dann die Notbremse gezogen und den Laden anstatt um 08:30 Uhr um 10:00 Uhr geöffnet. Das gab uns die Möglichkeit als Team miteinander zu sprechen, die Ware aufzufüllen und Vorbereitungen zu treffen. Dafür gab es vorher keine Zeit und besonders angesichts der aktuellen Lage gibt es natürlich Gesprächsbedarf bei den Mitarbeiter*innen. Ab der letzten Woche haben wir die ursprünglichen Öffnungszeiten wiedereingeführt, als wir merkten, dass sich die Situation etwas entspannt und wir einen guten Rhythmus gefunden haben.

GN:

Wie hast du diese arbeitsintensiven Wochen wahrgenommen?

KK:

Vor allem der Service ist auf der Strecke geblieben. In dieser Zeit fühlte es sich so an, als wären wir einfach nur Versorger, es ging die ganze Zeit nur um das Einsortieren und Abkassieren der Produkte. Letzte Woche habe ich dann gespürt, dass wir den Service-Gedanken wieder in den Fokus rücken müssen. Dafür stehen wir als kleinere Lebensmitteleinzelhändler und Naturkostfachhändler nun mal. Beratung und Service sind aber aufgrund der Abstandsregeln nach wie vor schwierig.

GN:

Wie reagieren die Kund*innen auf die Veränderungen?

KK:

Auch unsere Kund*innen sind natürlich verunsichert, reagieren jedoch sehr verständnisvoll. Man hört häufiger Sätze wie: „Kein Stress, wir haben ja Zeit…“

GN:

Ab der kommenden Woche wird es auch in Hamburg eine Maskenpflicht beim Einkaufen geben. Ist das deiner Meinung nach der richtige Schritt?

KK:

Ob eine Maskenpflicht beim Einkaufen eine sinnvolle Maßnahme ist, kann ich nicht beurteilen. Aus meiner Sicht gibt es dazu zwei Gesichtspunkte: Ich möchte mich natürlich in erster Linie an die Regeln und Gesetze halten. Außerdem möchte ich, dass sich unsere Kund*innen in unserem Laden wohlfühlen. Dabei spielt es für mich keine Rolle, ob ich die Maskenpflicht als sinnvoll oder unnötig erachte. Ich könnte mir allerdings vorstellen, dass es für uns als Mitarbeiter eine hohe Belastung sein kann, 8 Stunden am Tag eine Maske tragen zu müssen. Um das beurteilen zu können, müssen wir es jedoch erst einmal ausprobieren.

GN:

Wie setzt ihr diese Pflicht um? Wird es Kund*innen nur erlaubt sein mit Maske den Laden zu betreten?

KK:

Ich habe die Informationen zur Maskenpflicht am Dienstag (Anm. d. Red.: 21.04.2020) erhalten. Wie wir letztendlich mit dieser neuen Regel umgehen, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen. Es gibt im Umkreis einige Läden, die nur noch Kunden mit entsprechendem Mundschutz in die Geschäfte lassen. Ich muss mit mir selbst noch abschließend verhandeln, ob man das Tragen eines Mundschutzes in die Verantwortung des Einzelnen stellt oder ob ich verpflichtet bin, diese Pflicht in meinem Laden umzusetzen. Ich konnte bislang auch keine Informationen finden, ob die Mundschutzpflicht auch für meine Mitarbeiter*innen oder nur für die Kund*innen gilt.

GN:

Die Regierung empfiehlt ja bereits das Tragen eines Mundschutzes im öffentlichen Raum. Bisher jedoch nur auf freiwilliger Basis. Halten sich einige eurer Kund*innen bereits an diese Empfehlung und kaufen mit Mundschutz ein?

KK:

Man sieht immer mehr Kund*innen mit Mundschutz. Anfangs waren es nur wenige aber mittelweile würde ich schätzen, dass jede*r vierte Kund*in eine Schutzmaske trägt.

“Abstand halten” auch im bioMarkt Barmbek aktuell eine der wichtigsten Regeln

GN:

Gibt es bei euch im Laden bestimmte Produkte, die aufgrund der hohen Nachfrage nach wie vor schwer zu beschaffen sind?

KK:

Mehl und Hefe sind auch bei uns sehr begehrt und schwer zu beziehen. Anscheinend wollen viele Menschen zurzeit Brot backen. Auch Reis, Öl, Tomaten- und Fertigprodukte sind aktuell Mangelware. Tatsächlich ist außerdem Marmelade mittlerweile knapp geworden. Ich glaube das viele Produkte noch knapp sind, weil die Hamsterkäufe zu Beginn der Ausgangsbeschränkungen sich noch immer auf die Produktion auswirken. Deshalb sind besonders Fertiggerichte und Produkte mit einer längeren Haltbarkeit nach wie vor schwer zu bekommen. Überhaupt keine Probleme gibt es hingegen bei Obst und Gemüse.

Man muss aber ganz klar sagen, dass die Engpässe nicht dramatisch sind. Wir leben in einer Welt des Überflusses. Jeder und Jede bekommt genug zu essen. Die Auswahl an Lebensmitteln ist derzeit etwas kleiner und man muss eventuell eine Alternative für bestimmte Produkte finden, aber die Situation ist keinesfalls dramatisch.

GN:

Wie sieht die Personalsituation bei euch aus?

KK:

Es ist schon knapp. Ich habe für das Einräumen der Regale eine zusätzliche Kraft eingestellt und unsere beiden Auszubildenden müssen zurzeit nicht in die Schule und arbeiten mehr als sonst. Einige Mitarbeiter*innen haben zudem ihre Arbeitszeit aufgestockt und arbeiten ein paar Stunden mehr. Trotzdem bin ich den ganzen Tag im Laden, habe allerdings auch nichts Anderes zu tun. Es gibt ja aktuell nicht viele Freizeitaktivitäten, die man machen könnte (lacht).

Wir hatten eigentlich den Eindruck, dass sich die Lage langsam wieder normalisiert. Im Moment beobachten wir aber, dass sich die Situation von Tag zu Tag ändern kann. Es kann also am Anfang der Woche ruhiger sein und dann nimmt der Umsatz zum Ende der Woche wieder spürbar zu. Man lebt gerade von Woche zu Woche und es ist schwierig sich personell auf die Situation einzustellen.

GN:

Welche Bedeutung hat der Begriff „systemrelevant“ für dich?

KK:

Ich würde mich in diesem Kontext definitiv nicht auf die selbe Stufe stellen wollen wie zum Beispiel das Personal der Krankenhäuser. Wir sind einfach nur dankbar, dass wir arbeiten dürfen. Wenn sich jemand bei mir dafür bedankt, dass wir arbeiten und für unsere Kund*innen da sind, denk ich mir: Wir sind froh, dass wir arbeiten können. Meine Mitarbeiter*innen sind froh und dankbar, dass sie nicht in Kurzarbeit sind. Ich habe also nicht das Gefühl, dass ich oder meine Mitarbeiter*innen Dank verdient haben, sondern wir sind selbst sehr dankbar, dass wir in einer Branche arbeiten, die sich nicht im Lockdown befindet.

GN:

Gibt es Wünsche oder Prognosen für deinen Laden?

biomarkt barmbek
Katrin Krause, Inhaberin bioMarkt BARMBEK

KK:

Natürlich freue ich mich, dass wir bei uns im Laden eine so hohe Nachfrage haben. Gleichzeitig kann ich überhaupt nicht abschätzen, wie die Situation in Zukunft aussehen wird. Aufgrund des drohenden Wirtschaftsabschwungs kann es natürlich sein, dass viele Menschen weniger Geld haben werden und ihre Lebensmittel nicht im kleinen Bioladen kaufen.

Generell hoffe ich, dass sich die Welt ein bisschen ändert und wir uns fragen, was wir wirklich brauchen. Ich finde, dass wir uns gerade jetzt mit der Frage auseinandersetzen müssen, wie wir als Gesellschaft grundsätzlich weitermachen wollen.

GN:

Vielen Dank Katrin!

  • email hidden; JavaScript is required