Von der Wertschätzung unserer Lebensmittel zur Wertigkeit des regionalen Handelns

Die Coronakrise habe auch das Kaufverhalten im ländlichen Raum verändert, erzählt uns Christian Brüggemann im Telefoninterview. Christian leitet den Hofladen und den Lieferdienst des BioMarktes Lämmerhof in Mannhagen. Er und sein Team haben es sich zur Aufgabe gemacht, die weniger dicht besiedelten Gemeinden zwischen Hamburg und Lübeck mit biologisch hergestellten und nachhaltig erzeugten Lebensmitteln zu versorgen. Wir wollten von ihm wissen, wie er und seine Mitarbeiter*innen sich auf die veränderte Situation eingestellt haben und welche individuellen Lösungen sie entwickelt haben, um ihren Kundinnen und Kunden eine möglichst sichere und risikofreie Versorgung mit Bio-Lebensmitteln zu gewährleisten. Warum ihm sein Job trotz 16 Stunden harter Arbeit am Tag dennoch Spaß macht, wie er die gesellschaftliche Verantwortung seines Berufsfeldes einschätzt und was die Corona-Pandemie mit der Wertschätzung von Lebensmitteln zu tun hat, erfahrt Ihr in unserem Interview.

Lesedauer 10 Minuten, Stand 16.04.2020

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Grell Naturkost:

Moin Christian. Die letzten Wochen haben gezeigt, dass die Menschen in Deutschland mit Hamsterkäufen auf Krisensituationen reagieren. Bekommt man bei euch im Laden noch Klopapier und Nudeln?

Christian Brüggemann:

(lacht) Klopapier wird inzwischen etwas knapper, aber erst in den letzten Tagen. Bei uns im Laden gab es eigentlich keine Hamsterkäufe. Der eine oder die andere hat eventuell ein Paket Nudeln mehr mitgenommen als sonst, aber einen extremen Ansturm, wie es in den Medien berichtet wurde, gab es bei uns nicht.

GN:

Gibt es bestimmte Produkte, die aktuell vermehrt bei euch nachgefragt werden?

CB:

Nudeln wurden häufiger gekauft. Im Gemüse- und Käsebereich ist auch eine erhöhte Nachfrage aufgekommen. Generell haben wir in den letzten Wochen einen deutlich höheren Umsatz zu verzeichnen, da auch über unseren Lieferservice deutlich mehr Aufträge eingegangen sind. Das Problem ist derzeit, dass viele Bioläden, vor allem in den Städten, in den letzten Wochen überrannt wurden.  Einige Hersteller haben Schwierigkeiten die Nachfrage im vollen Umfang bedienen zu können und bieten nicht ihr komplettes Sortiment an. Aus diesem Grund gibt es bei uns im Laden neuerdings auch das ein oder andere leere Regal, weil einfach der Nachschub fehlt.

GN:

Bei bestimmten Produktgruppen gibt es also aktuell Lieferengpässe?

CB:

Die Produktgruppen, die überall gefehlt haben, sind auch bei uns knapp. Das sind vor allem Waren wie Hefe und verschiedene Mehle. Wir haben bei uns im Laden allerdings den großen Vorteil, dass wir eine eigene Mühle haben, mit der wir Vollkornmehl aus dem eigenen Getreide mahlen können. Daher haben wir für dieses Problem eine Lösung gefunden.

GN:

Wie siehst du die Situation in den kommenden Wochen und Monaten? Gibt es deiner Einschätzung nach berechtigte Gründe zur Sorge bezüglich möglicher Lieferengpässe?

CB:

Ich glaube, dass sich die Liefer- und Produktionsketten mittlerweile auf die Situation eingestellt haben und effektiver arbeiten. Ich habe das Gefühl, dass Produktionsfirmen und Erzeuger*innen rund um die Uhr arbeiten, um Engpässe zu vermeiden. Meiner Einschätzung nach könnte es nach Ostern wieder etwas ruhiger werden und eine solche Atempause würde dann den Produzent*innen die Möglichkeit geben, ihre Produktionsengpässe zu beheben. Das hoffe ich zumindest. (lacht)

GN:

Apropos Ostern: Große Einzelhandelsketten haben vermehrt Sorgen verlauten lassen, dass es kurz vor den Feiertagen zu einem Ansturm auf Supermärkte kommen könnte. Wie war die Situation bei euch?

CB:

Die Kombination aus Feiertagen und Coronakrise stellt natürlich für den Einzelhandel eine Ausnahmesituation dar. Dementsprechend ist der Umsatz jetzt zu Ostern höher gewesen. In Kombination mit der zusätzlichen Nachfrage aufgrund der aktuellen Situation merkt man den Unterschied zum normalen Feiertagsgeschäft schon. Die Regale sind schon ziemlich leer muss ich sagen. Das kennen wir so eigentlich nicht. Wir haben natürlich gleichzeitig auch mit anderen Problemen zu kämpfen. Wir sind nur ein kleiner Betrieb und unser Lieferdienst ist in den letzten Wochen überrannt worden. Im Vergleich zu größeren Betrieben sind wir nicht vollständig digitalisiert und arbeiten noch mit der Hand. Bei unserem Bestellaufkommen war das in der Vergangenheit auch einfach nicht notwendig. Mittlerweile sind die Menge und der Umfang der Bestellungen aber so stark angestiegen, dass wir anfangs bezüglich Beschaffung, Packen und Auslieferung der Ware absolut an unsere Grenzen gekommen sind. Teilweise mussten wir daher unseren Onlineshop schließen und haben keine Neukunden mehr aufgenommen.

Grell Naturkost Mannhagen
Biomarkt Lämmerhof in Mannhagen

GN:

Könnt ihr die Bestellmengen mittlerweile bewältigen?

 

CB:

Im Augenblick ist die Situation so, dass wir den Onlineshop wieder freigeschaltet haben. Wir haben in den letzten Wochen natürlich auf die Situation reagiert und konnten beispielsweise eine Kundin von uns einstellen, die aktuell in ihrem Berufszweig aufgrund der Coronakrise nicht arbeiten darf. Sie kam einfach auf uns zu und fragte, ob sie uns helfen könne. Seitdem unterstützt sie uns beim Packen, da sie unsere Produkte als gute Kundin ja quasi besser kennt als wir (lacht). Gleichzeitig haben wir das große Glück, dass zwei unserer drei Söhne gerade wegen der Semesterferien zu Hause sind und uns unter die Arme greifen können. Die kennen den Laden mittlerweile in- und auswendig und helfen wo sie können.

Wir haben uns als Lieferdienst auf die Fahne geschrieben, den ländlichen Raum zu beliefern. Wir fahren also nicht unbedingt in die Großstädte rein, sondern möchten wirklich die Dörfer zwischen Lübeck und Hamburg mit Bio-Lebensmitteln versorgen. Viele ältere Kund*innen sind da einfach auf uns angewiesen und ich finde, es ist in dieser Situation unsere soziale und gesellschaftliche Verantwortung und Aufgabe besonders die hilfsbedürftigen Kunden*innen zu beliefern. Unsere Fahrer*innen haben in diesem Zusammenhang natürlich die Anweisungen bekommen, den direkten Kontakt zu den Kund*innen zu vermeiden und kein Bargeld entgegenzunehmen.

GN:

Welche Hygienemaßnahmen habt ihr im Laden getroffen?

CB:

Wir sind kreativ geworden und haben zum Beispiel alte Stellwände aus Plexiglas auseinandergebaut und vor unserer Kasse installiert. Dann haben wir Distanzstreifen auf den Boden geklebt, um 2 Meter Sicherheitsabstand für unsere Kund*innen zu ermöglichen. Wir haben außerdem eine Desinfektionswand gebaut, damit möglichst keine Keime in den Laden kommen. Bevor die Kund*innen in den Laden kommen, sind sie angehalten, sich ihre Hände zu desinfizieren. Zufällig habe ich schon im Februar neue Desinfektionsspender und einen Vorrat ein Desinfektionsmittel bestellt und war somit trotz der Lieferengpässe gut auf die neuen Hygieneanforderungen vorbereitet.

GN:

Auf Facebook habt ihr ein Video veröffentlicht, in dem ihr euren Kunden zeigt, wie sie ohne jeglichen Kontakt zu anderen Menschen bei euch einkaufen könnt. Wie genau funktioniert das?

CB:

Das Prinzip ist ähnlich wie das des Lieferservice: Man ruft an; wir packen die Bestellung hier im Laden fertig; dann kommt die Bestellung gegebenenfalls in den Kühlraum und wenn der Kunde oder die Kundin vor der Tür steht, bringen wir die Lieferung in einen gesonderten Bereich raus. Die Kund*innen brauchen den Laden also gar nicht betreten und somit richtet sich das Angebot vor allem an Risikogruppen. Die Bezahlung läuft dann über SEPA-Lastschrift oder über EC-Kartenzahlung.

Das Konzept wird vor allem von unseren älteren Kund*innen gut angenommen, für die normales Einkaufen in der aktuellen Situation bereits ein Risiko darstellt.

GN:

Mit eurem Konzept habt ihr gezeigt, wie man aus der Not eine Tugend machen kann. Bietet die Situation, so schwierig und ungewiss sie auch sein mag, deiner Meinung nach auch Chancen?

CB:

Ich glaube, dass diese Situation im Allgemeinen viele Chancen bieten kann. Viele Betriebe werden kreativ und schaffen neue Wege, um mit den aktuellen Herausforderungen umzugehen. Situationen wie diese können aber eventuell auch Antworten auf wichtige Fragen aufzeigen wie: „Welche Wege gibt es, sich möglichst klimaneutral zu ernähren“? oder „Auf was kann ich verzichten, ohne dass die Welt untergeht?“. Denn trotz der derzeitigen Lage fehlt es uns an nichts, während die Belastungen für das Klima aufgrund der heruntergefahrenen Produktion und des niedrigen Verkehrsaufkommens aktuell niedriger sind als sonst. Vielleicht macht uns diese Lage bewusst, dass Verzicht gar nicht so schlimm ist. Ich hoffe zudem, dass die Wertschätzung von Lebensmitteln grundsätzlich eine andere wird. Daraus ergibt sich für mich die Wertigkeit des regionalen Handelns. Aus meiner Sicht sollten wir uns überlegen, was wir in der eigenen Region produzieren können, um nicht von Waren aus dem Ausland abhängig zu sein.

Biomarkt Lämmerhof Grell Naturkost
Christian Brüggemann, Inhaber des Biomarkt und Lieferdienstes des Lämmerhofes in Mannhagen

GN:

Als Lebensmitteleinzelhändler gehörst du zu der systemrelevanten Berufsgruppe. Siehst du darin eine besondere Verantwortung?

 

CB:

Ich sehe eine große Verantwortung für den gesamten Einzelhandel. Aber nicht nur der Einzelhandel hat eine Verantwortung, wir alle haben eine soziale Verantwortung. Ich denke man muss in diesem Zusammenhang die Gesamtleistung sehen. Hinter meinem Laden stehe ja nicht nur ich. Da steht der Großhandel, da stehen die Hersteller*innen und da stehen die Erzeuger*innen. Ich glaube, wir alle haben derzeit eine große Verantwortung und arbeiten auch dementsprechend. Ich weiß, dass der Großhandel rund um die Uhr arbeitet. Ich weiß, dass die Hersteller*innen alles geben, um keine Lieferengpässe aufkommen zu lassen und ich weiß, dass in der Landwirtschaft Tag und Nacht gearbeitet wird. Das wird nicht nur gemacht, um Geld zu verdienen, sondern weil wir eine Verantwortung gegenüber den Verbraucher*innen haben. Ich nehme diese Verantwortung gerne an.

GN:

Hat sich dein Arbeitsalltag in den letzten Wochen sehr verändert?

CB:

(lacht). Ja, bei uns geht aktuell alles drunter und drüber. Wir sind nur ein kleiner Laden und daher kann bei uns jeder alles machen. Leider ist es bei mir so, dass ich alles machen kann und alles machen muss. In größeren Geschäften gibt es mehr Spezialisierung, aber bei uns macht dieser Ansatz keinen Sinn. Mein Arbeitsalltag ist im Moment 14 bis 16 Stunden lang jeden Tag. Es gibt einfach viel nachzuarbeiten und vorzubereiten. Besonders der Lieferservice macht da viel Arbeit.

Wenn meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nicht so unermüdlich arbeiten würden, dann wäre das alles aber nicht zu bewältigen. Und auch beim Großhandel, den Erzeuger*innen und Hersteller*innen möchte ich mich bedanken, die immer da sind und sich kümmern. Selbst wenn bestimmte Produkte nicht lieferbar sind, werden Alternativen gesucht und immer eine Lösung gefunden. Ich glaube das ist eine ganz wichtige Sache. Das gleiche kann ich auch über unsere Kund*innen sagen, die unwahrscheinlich viel Verständnis in den letzten Wochen aufgebracht haben. Unter den erschwerten Bedingungen haben wir natürlich auch Fehler bei den Bestellungen oder beim Packen gemacht und das ist mit einer absoluten Selbstverständlichkeit von den Kund*innen aufgenommen worden.

GN:

Macht die Arbeit bei dem Stress überhaupt noch Spaß?

CB:

Es macht unwahrscheinlich viel Spaß! Es ist sehr stressig, aber es macht trotzdem sehr viel Spaß. Wir haben in der letzten Woche bestimmt zwei Dutzend Dankeskarten von Kund*innen bekommen, die einfach dankbar sind, dass wir sie beliefern. Das motiviert natürlich ungemein und diese Rückmeldung, die ich auch am Telefon von unseren Kund*innen bekomme, ist unter anderem der Grund dafür, dass wir alle an einem Strang ziehen. Daher gilt mein größter Dank meinen Mitarbeiter*innen, die hier alles am Laufen halten.

GN:
Danke für das Gespräch und alles Gute!

 

 

 

Der Film zum Bioladen Lämmerhof

 

Stand 16.04.2020

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