on-farm

Ökologische Gemüsezüchtung ist mühsam!

– eine spannende vor-Ort-Recherche in der ökologischen Gemüsezüchtung auf Christiansen´s Biolandhof In den letzten 10.000 Jahren war der Bauer auch gleichzeitig der Züchter und Erhalter der landwirtschaftlichen und gärtnerischen Kultursorten. Mit der Spezialisierung in der Landwirtschaft Anfang der 20. Jahrhunderts wurde diese Arbeit an Menschen abgegeben, die sich intensiv mit Züchtung beschäftigen. In spezialisierten Saatzuchten wurden neue Sorten entwickelt, die sich den gesteigerten Anforderungen der Landwirtschaft anpassen. Während sich die konventionelle Agrarwirtschaft über höhere Erträge und Nutzung des chemischen Pflanzenschutzes und Düngers anpasst, geht der biologische Landbau den Weg der Anpassung der Kulturarten an den biologischen Kreislauf. Damit werden andere Sorten mit speziellen Anforderungen für den ökologischen Landbau benötigt als für die konventionelle Agrarwirtschaft. Diese Anforderungen definieren die Zuchtziele. Viele der regionalen Saatzuchten wurden von Konzernen aufgekauft, die für den Weltmarkt produzieren. Damit verschwindet die Vielfalt der Sorten und wird durch einige wenige abgelöst. Die Saatgutkonzerne bringen neue Sorten auf den Markt, die mit hohem technischem und chemischem Aufwand entwickelt werden. Diese Hybriden sind für den Landwirt nicht reproduzierbar, er ist beim Saatgutkauf von Saatgutkonzernen abhängig. Auch die Saatgutkonzerne fusionieren laufend, sodass 70% des Saatguts der Welt von vier großen Firmen der Branche verkauft werden. Um den Höfen Saatgut von Sorten für den ökologischen Landbau zur Verfügung stellen zu können, ohne von den Saatgutkonzernen abhängig sein zu müssen, haben einige Öko-Bauern die Züchtung wieder in die eigene Hand genommen (on-farm-Züchtung). Es sollen reproduzierbare, also samenfeste Kultursorten gezüchtet werden, die den Herausforderungen des heutigen und zukünftigen ökologischen Landbaus gewachsen sind. Saatgut ist Kulturgut und soll jedermann/-frau zugänglich bleiben. Dafür wurden die gemeinnützigen Vereine Saatgut e.V. (www.saat-gut.org) und Kultursaat (www.kultursaat.org) gegründet, die ökologisch gezüchtete Sorten anmelden, und damit die Erlaubnis für den Handel mit dem Saatgut der Sorten, erhalten. Durch die Züchtungsarbeit engagierter Züchter, Landwirte und Gärtner gibt es bisher ca. 40 ökologisch gezüchtete Gemüse- und ca. 15 Getreidesorten. Ein ökologisches Züchtungs-Projekt konnten wir auf einem Grell-Seminar im Sommer 2012 erleben. Auf dem Christiansen`s Biolandhof wird seit 2006 intensiv an den Gemüsekulturen Möhre, seit 2009 an Blumenkohl, Broccoli und Rote Bete gezüchtet. Auch neue Kulturen kommen jedes Jahr dazu, wie in diesem Jahr Pastinaken. Ausgangssorten für die Züchtung sind überwiegend Hybridsorten, die gezielt gekreuzt werden: Kohl per Hand oder in Isolierhauben (Bild), Möhre durch Hummeln, Rote Bete durch Wind, aber immer im Gewächshaus. Schon im zweiten Jahr stehen die Pflanzen auf dem Feld und müssen ihre Stärken beweisen. Hier wird auf die Zuchtziele Pflanzengesundheit (hohe Widerstandskraft, eher Toleranzen als Resistenzen gegenüber Krankheiten und Schädlingen), gute Nährstoffeffizienz (bessere Nährstoffaufnahme, Akzeptanz eines geringeren Nährstoffniveaus), Ertragsstabilität, Ernährungs- und sensorische Qualität (sekundäre Pflanzenstoffe, Geschmack) und regionale Anbaueignung selektiert. Nach 6 bis 8 Jahren ist eine Linie so homogen und merkmalsstabil, dass sie die zweijährige Prüfung beim europäischen Gemeinschaftlichen Sortenamt (CVPO) absolvieren kann. Nach der Anerkennung als Sorte kann diese nach 10 bis 12 Jahren Züchtung in den Handel kommen. Auf Christiansen´s Biolandhof wird diese wertvolle Arbeit von dem Betriebsleiter Heinz-Peter Christiansen und der Züchterin Gesa Dalsgaard zusammen mit den Mitarbeitern des Hofes gestaltet. Außerhalb ihrer täglichen Arbeit beschreiben sie die sortentypischen Merkmale jeder einzelnen Linie und Erntemengen werden in Listen erfasst. Saatgut wird geerntet, gedroschen und in kleinen Tütchen aufbewahrt, bis sie im nächsten Jahr wieder ausgesät werden. Bei der Ernte des wertvollen Saatguts durften wir während unseres Seminars mithelfen (Bild). Um nach 10 Jahren eine Sorte vermarkten zu können, werden 40.000 Pflanzen ausgesät, bonitiert, selektiert und gedroschen. Die Kunden von Grell Naturkost unterstützen die Züchtungsarbeit mit der Spende von 50 Cent pro gehandelter Kiste Blumenkohl oder Broccoli. Durch den beeindruckenden Einsatz der Mitarbeiter auf Christiansen`s Biolandhof werden wir auch in Zukunft weiterhin nachbaufähige Gemüsesorten auf unseren Feldern und Tellern finden. Den Initiatoren wünschen wir, dass sie den Kampf David gegen Goliath gewinnen werden! Wir unterstützen wo wir können, Sie auch. Zur Information Was ist eine Hybridsorte (F1)? In der Hybridzüchtung werden Mutter- und Vaterlinien getrennt voneinander mehrfach durch Inzucht vermehrt. Diese Inzuchtlinien werden einmalig miteinander gekreuzt, es entsteht eine F1-Hybride. Die Nachkommen der ersten Generation sind augenscheinlich homogen und zeigen ausgeprägter ihre Merkmale z.B. Ertrag oder Einheitlichkeit (Heterosiseffekt). Ein Nachbau dieser F1-Hybriden spaltet wieder sehr heterogen in die Merkmale der Eltern. Dadurch ist ein erwerbsgärtnerischer Anbau unwirtschaftlich. Was ist eine samenfeste Sorte? (auch: open pollinated, offen abblühend) Eine durch klassische Kreuzungen gewonnene und entsprechend der Zuchtziele verbesserte Sorte, die für jeden Gärtner reproduzierbar ist. Der Nachbau ist in den Merkmalen gleich und beständig. Eine Uniformität ist nicht zu gewährleisten. Alte Sorten können durch Nachbau erhalten werden. www.saat-gut.org  

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