Die Krise als Chance für die heimische Landwirtschaft

 

Die Veränderungen, die mit dem Ausbruch des Coronavirus in Deutschland einhergehen, haben Einfluss auf unser Leben. Hamsterkäufe und leere Regale in den Supermärkten führen dabei direkt vor Augen, wie wichtig Lebensmittel wirklich sind. Als systemrelevante Branche kämpfen Lebensmittelproduzent*innen, Einzelhändler*innen und Landwirt*innen an vorderster Front für eine Aufrechterhaltung der Lieferketten und für die Versorgung aller. Das Gut Wulksfelde vor den Toren Hamburgs vereint als ganzheitlich agierender Betrieb viele Zweige der Lebensmittelbranche. Vom Getreideanbau über die Herstellung von Backwaren und die Zucht von Tieren bis hin zum Verkauf der Produkte über den Hofladen oder den eigenen Lieferservice, bei den Mitarbeiter*innen auf Gut Wulksfelde dreht sich alles um Bio-Lebensmittel. Der perfekte Ort also, um sich über den aktuellen Stand der Nachfrage, mögliche Versorgungsengpässe von Bio-Lebensmitteln und vorsichtige Zukunftsprognosen zu informieren. Im Gespräch mit Rolf Winter, Geschäftsführer und Landwirt auf dem Gut, und André Houillon, Leiter des Lieferservice, haben wir gelernt, dass Krisensituationen durchaus auch Chancen bieten können.

Lesedauer: 11 Minuten, Stand 27.03.2020 

Grell Naturkost:

Hallo Rolf, auch in deinem Arbeitsablauf hat es in den letzten Tagen und Wochen bestimmt Veränderungen gegeben. Wie wirkt sich die aktuelle Situation auf deinen Alltag auf Gut Wulksfelde aus?

Rolf Winter:

Es ist schon eine riesige Veränderung, die sich momentan abzeichnet. In allen Bereichen laufen die Bemühungen den Betrieb aufrechtzuerhalten. Wir tun dabei auch alles dafür, dass die Ansteckungsgefahr für unsere Mitarbeiter*innen so gering wie möglich gehalten wird. Daher haben wir umfangreiche Hygienemaßnahmen und erstmals zwei Schichten eingeführt, die unabhängig voneinander arbeiten. Falls dann im Notfall ein Kollege infiziert sein sollte, kann der Betrieb problemlos weitergeführt werden.

G.N.:               

In vielen Bereichen auf dem Gut ist Handwerk und körperliches Arbeiten gefragt, gibt es bei euch dennoch die Möglichkeit, dass Mitarbeiter*innen von Zuhause arbeiten können?

Rolf Winter:   

In der Landwirtschaft und in der Bäckerei gibt es diese Möglichkeit nicht, denn hier stehen die Erzeugung, die Feldarbeit und die Versorgung der Tiere absolut im Vordergrund. Home Office haben wir für die kompletten Bereiche Verwaltung, Marketing und Buchhaltung angeordnet. Nur eine Kollegin ist noch vor Ort und kümmert sich um den Posteingang. Das funktioniert auch sehr gut und ich bin froh, dass unser IT-Mitarbeiter die notwendige Infrastruktur so kurzfristig bereitstellen konnte.

G.N.:               

Welche konkreten Maßnahmen habt ihr getroffen, um den Kund*innen eures Hofladens einen sicheren Einkauf zu ermöglichen?

Rolf Winter:

Wir bitten unsere Kund*innen, sich vor dem Betreten des Hofladens die Hände zu waschen. Außerdem gibt es eine Einlasskontrolle und Schlangenführung vor dem Laden. Es dürfen sich nicht mehr als 15 Kund*innen gleichzeitig im Laden aufhalten und auch hier muss natürlich ein Mindestabstand von 1,5 Metern eingehalten werden.

G.N.:               

Wie nimmst du die Stimmung im Betrieb generell wahr?

Rolf Winter:   

Uns ist es sehr wichtig, die Mitarbeiter*innen auf dem neuesten Stand zu halten, auch bezüglich der Maßnahmen, die wir durchführen. Das wird sehr positiv aufgenommen. Bei uns steht also Transparenz momentan im Fokus: Wie ist der Stand der Dinge? Was hat sich verändert? Was könnten die nächsten Schritte sein? Für mich gehört aber auch Lob und Wertschätzung dazu. Der ganze Betrieb hat gerade enorme Produktionsmengen zu bewältigen und das wäre ohne motivierte Mitarbeiter*innen nicht möglich. Ich habe das Gefühl, dass unsere Mitarbeiter*innen frohen Mutes sind und dass wir diese Krise zusammen durchstehen werden.

G.N.:               

Du hast gerade schon die erhöhten Produktionsmengen angesprochen, die ihr zu bewältigen habt. Wie nimmst du die Nachfrage eurer Kund*innen wahr?

Rolf Winter:   

Wir haben mit gesteigerter Nachfrage zu tun. Das ebbt im Moment ein bisschen ab. Ganz extrem war die Situation, als die Schulen geschlossen wurden und viele Leute zuhause waren. Da wurden sehr große Mengen an Lebensmitteln eingekauft. Aktuell pendelt sich die Nachfrage im Hofladen wieder etwas ein. In der Bäckerei und der Landwirtschaft haben wir immer noch alle Hände voll zu tun.

G.N.:               

Könnt ihr die Nachfrage bedienen oder rechnest du in Zukunft mit Problemen bei der Versorgung euer Kund*innen?

Rolf Winter:

Bei unseren eigenen Produkten gehen wir im Großen und Ganzen davon aus, dass wir die Nachfrage bedienen können.

G.N.:               

In den Medien wird derzeit viel über den Ausfall von Erntehelfern berichtet. Wie sieht die Situation bei euch aus?

Rolf Winter:

Wir haben unser Team in der Landwirtschaft verstärkt. Das ist wichtig, um einfach eine Rückfallposition zu haben und unsere Mitarbeiter*innen nicht zu sehr zu belasten. Für die aktuell anstehenden Arbeiten, wie die Pflege der Pflanzen und die Versorgung der Tiere, sind wir gut aufgestellt. Für die Zeit der Erdbeerernte sieht das allerdings anders aus, da benötigen wir deutlich mehr Helfer*innen. Bis dahin müssen wir sehen, ob sich etwas verändert hat oder ob wir anders handeln müssen. Wir haben sogar schon Angebote von studentischen Hilfskräften, die uns ihre Hilfe zugesagt haben, falls es eng wird. Darüber freuen wir uns sehr. Grundsätzlich bin ich optimistisch, dass wir eventuell aufkommende Probleme bei der Erdbeerernte lösen werden.

Gut Wulksfelde Grell Naturkost
Rolf Winter, Geschäftsführer und Landwirt auf Gut Wulksfelde

G.N.:               

Schwierige Zeiten wie diese machen allen Menschen klar, welchen Stellenwert Lebensmittel in unserem Leben haben. Restaurants müssen schließen und Ausgangsbeschränkungen werden erlassen. Wir alle werden uns in den kommenden Wochen wohl häufiger selbst in die Küche stellen und kochen. Siehst du in dieser Entwicklung auch Chancen für die Lebensmittelbranche im allgemeinen und die Bio-Branche im speziellen?

Rolf Winter:

Diese Krise ist eine extreme Situation, die wir so noch nie erlebt haben. Zukunftsprognosen sind da nur sehr schwer zu treffen. Ich glaube allerdings, dass die Bedeutung von regionalen und heimischen Erzeugnissen einen größeren Stellenwert erlangen wird. Das gilt meiner Meinung nach für die gesamte Wirtschaft. Diese Krise führt uns allgemein unsere Abhängigkeit von überregionalen Produkten vor Augen und genau da sehe ich eine Chance für die heimische Landwirtschaft. In Zukunft wird man sich gerade im Bereich der Lebensmittel auf regionaler und lokaler Ebene etwas breiter aufstellen wollen. Das hoffe ich jedenfalls.

G.N.:               

Was gibt dir in diesen arbeitsintensiven Tagen den nötigen Antrieb den sprichwörtlichen „Laden am Laufen zu halten“?

Rolf Winter:

(lacht) Das gleiche wie immer. Ich finde es toll einen Betrieb zu leiten, der zukunftsfähig ist. Wir versuchen das umzusetzen, was nachhaltig sinnvoll ist: Ein schonender Umgang mit Natur, Umwelt und Menschen. Wir wollen bewusst regional gebunden sein in der Wertschöpfungskette und nicht auf dem internationalen Parkett arbeiten. Das ist schön. Wenn es dann wie jetzt eine Krise gibt, sammelt man seine Kräfte, konzentriert sich auf das Wesentliche und versucht das so gut wie möglich durchzustehen. Ich glaube wir haben da gute Chancen.

 G.N.:                          

André, die Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland stellt uns als Gesellschaft vor ganz neue Herausforderungen. Was für Veränderungen habt ihr im Lieferservice seit dem Ausbruch und den damit verbundenen Restriktionen wahrnehmen können?

André Houillon:         

Wir hatten bis vor kurzem noch mit einer sehr hohen Nachfrage zu kämpfen und auch jetzt kaufen unsere Kunden noch sehr viel. 

G.N.:                           

Gibt es eine spürbar höhere Nachfrage nach bestimmten Produkten?

André Houillon:         

Wir beobachten aktuell eine Erhöhung des Durchschnittswarenkorbs über alle Produktgruppen. Natürlich wurden viele Nudeln verkauft, aber auch Obst und Gemüse haben einen Peak erfahren. Wir erklären uns das so, dass jetzt einfach mehr Leute im Haushalt zuhause sind, die bekocht werden wollen. Zuhause kocht man ja nicht nur mit Dosenprodukten, sondern auch mit Gemüse und Kühlprodukten. Auch beim Verkauf unserer gekühlten Produkte konnten wir extreme Zuwächse verzeichnen. Wir können also nicht sagen, dass sich der Zuwachs auf bestimmte Warengruppen beschränkt.

G.N.:                           

Könnt ihr die Bestellungen aktuell noch bewältigen?

André Houillon:         

Bei uns im Lieferservice ist es so, dass wir seit dem 16. März auf extremer Hochlast fahren. Wir haben Kundenzuwächse von 50 Prozent und die können wir aktuell gerade so noch beliefern. Aber wir nehmen derzeit keine Neukunden mehr auf und auch Kunden, die sechs Monate oder länger nicht bei uns bestellt haben, können aktuell bei uns leider nicht bestellen.

G.N.:                          

Wie schätzt du die Versorgung euer Kunden in den kommenden Wochen ein? Könnte es eventuell zu Lieferengpässen kommen?

André Houillon:         

Die Großhändler haben uns zurückgemeldet, dass sich ihre Lagerbestände wieder füllen. Auch die Einzelhändler*innen haben sich mit ihren Bestellungen zu Beginn der ersten Maßnahmen und Restriktionen auf den Ansturm vorbereitet und viele Produkte auf Vorrat bestellt. Jetzt schwächt sich das ein bisschen ab und die Großhändler geben uns die Prognose, dass kurzfristig keine Lieferengpässe in Sicht sind. Obwohl ich dazu auch sagen muss, dass wir in der vergangenen Woche nur 1-2 Prozent Lieferausfälle hatten. Wir haben die Lage also derzeit gut im Griff.

G.N.:                          

Unternehmen sind angehalten, ihren Mitarbeiter*innen nach Möglichkeit das Arbeiten im Home Office zu ermöglichen, Mindestabstände zueinander einzuhalten und die hygienischen Standards zu verbessern. Wie geht ihr konkret mit diesen neuen Anweisungen um?

André Houillon:     

Wir haben unsere Mitarbeiter*innen über das Thema Hygiene intensiv informiert. Die Mitarbeiter*innen stehen in der Pflicht, sich vor dem Arbeitsbeginn die Hände zu waschen. Zudem haben wir natürlich auch hier die Abstandsregel von mindestens 1,5 Metern eingeführt. Bei uns gibt es derzeit außerdem zwei Gruppen von Mitarbeiter*innen, die sich durch das Tragen von farbigen T-Shirts unterscheiden. Dadurch, dass wir das spielerisch aufgezogen haben, also nach dem Motto: „Komm dem anderen Team nicht zu nahe!“ hat sich das ganz gut verselbstständigt und die Leute achten mittlerweile sehr genau darauf. Wir haben derzeit immer eine gemeinsame Mittagspause. Das ist ein lustiges Bild. Die Gutsküche, die aktuell leider geschlossen bleiben muss, kocht für uns und bringt uns das Essen auf die Rampe des Lieferservice. Mittags sitzen dann dort 40 Mitarbeiter*innen im Abstand von zwei Metern auf die Rampe verteilt. Das ist ein schöner Moment und das schweißt auch zusammen.

G.N.:                          

Du kannst also auch positive Veränderungen in dieser Krisensituation beobachten?

André Houillon:         

Ja, definitiv. Wir haben natürlich eine erhöhte Belastung der Mitarbeiter*innen, aber wir haben uns innerhalb von 1,5 Wochen so gut aufgestellt, dass wir im Zwei-Schicht-Modell arbeiten können. Das bedeutet, es muss keiner mehr als 8-10 Stunden hierbleiben. Ich finde, das haben wir sehr schnell auf die Beine stellen können. Noch können wir nicht sagen, auf welchem Niveau sich das einpendeln wird und so sind wir zumindest für die nächsten Wochen dafür gewappnet, das aktuelle Niveau halten zu können.

G.N.:                          

Eure Fahrer*innen sind viel unterwegs und haben im Regelfall natürlich auch Kontakt zu den Kund*innen. Gibt es bei euch Vorkehrungen, diesen Kontakt bei der Übergabe der Bestellungen einzuschränken oder vielleicht sogar ganz zu vermeiden?

André Houillon:         

Wir haben es bisher immer so gehandhabt, dass wir vor allem bei älteren Kund*innen die Kisten direkt in die Wohnung liefern und sie dann auch auspacken. Das machen wir jetzt gar nicht mehr. Wir stellen die Kiste vor der Wohnungstür ab und weisen unsere Fahrer*innen dann darauf hin, dass sie bitte bei den Kund*innen klingeln, falls Pfandkisten noch nicht zum Mitnehmen bereitstehen. Anschließend sind sie dann angehalten, mit einem Abstand von zwei Metern darauf zu warten, dass der Kunde oder die Kundin die Kiste bereitstellt.

G.N.                           

Als Lieferservice steht ihr ja ständig im Kontakt mit euren Kund*innen. Welches Feedback bekommt ihr von ihnen?

André Houillon:         

Wir bekommen viel positives Feedback von unseren Kund*innen. Die Rückmeldungen sind meist sehr allgemein gehalten: „Toll, dass ihr das macht!“, „Ich bin auf euch angewiesen.“, „Es ist klasse, dass es so etwas gibt.“ Unsere Kund*innen sind sehr flexibel und entspannt mit der neuen Situation umgegangen. Dadurch, dass uns die Firmenkunden weggebrochen sind, haben wir einen Teil unserer Lieferungen von Dienstag auf den Montag vorverlegt und auch die Uhrzeiten konnten sich ändern. Da gab es keine Beschwerde. Ich glaube in dieser Situation ist das Verständnis groß.

Gut Wulksfelde Grell Naturkost Bio
André Houillon, Leiter des Lieferdienstes auf Gut Wulksfelde

G.N.:                           

Was gibt dir aktuell die nötige Energie?

André Houillon:         

Für mich ist es wichtig, dass wir es besonders in diesen Zeiten schaffen, auf der einen Seite unsere gesellschaftliche Verantwortung wahrzunehmen und die Kund*innen zu beliefern. Auf der anderen Seite sehe ich unser cooles und tolles Team, was die Arbeit einfach so wegwuppt. Mit einer Stimmung, die absolut grandios ist. Kein Mitarbeiter und keine Mitarbeiterin, die letzte Woche aufgrund des großen Ansturms von morgens um 6 bis abends um 18 Uhr hier war, hat das Gesicht verzogen. Wir haben uns gegenseitig motiviert und dadurch ist das so ein gutes Miteinander. Das motiviert mich. Wenn wir die Krise überstehen, hoffe ich, dass davon etwas übrigbleibt und wir als Betrieb noch besser aufgestellt sehen. Bei uns bewegt sich gerade viel. Wir programmieren unseren Shop aktuell um, dass wir dem/der Kunden/in im Bestellprozess auch eine Art der Selbstabholung anbieten. In so einer Krisensituation entstehen auch ganz schnell viele verrückte Ideen, die sich dann kurzfristig umsetzen lassen. Das macht echt Spaß.

 

 

Stand 27. März 2020

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